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Personalien Tagebuch eines Blindsimulanten (3)
Personalien

05.09.2011
Von Marc Lang

Turm b1. Aha. Da herrscht auf dem Brett ein absolut unkoordiniertes Chaos mit brennenden Spannungsherden an allen Ecken und Enden, doch Weiß ignoriert diesen Umstand einfach, so als ob er entweder ein Zufallsgenerator oder ein drahtseilbenervter Chuck Norris persönlich wäre. Dennoch ist Tb1 laut Mihail Marin in seinem sehr subtilen, vom Umfang her auch wunderbar als Wurfgeschoss tauglichen Dreibänder The English Opening der einzige Zug, der die weiße Initiative am Kochen hält. Hm. Auch wenn ich die Stellung trotz minutenlangen, überwiegend denkbefreiten Starrens weiterhin nicht verstehe, muss etwas an Marins Stellungsbeurteilung dran sein, denn fast scheint es mir, als würde es vor lauter kochender Initiative vom Brett her sogar verbrannt riechen(!).
Ich glaube, ich sollte mich lieber etwas weniger mit Schach beschäftigen. Meint auch meine Frau, als sie wenige Minuten später mit zwei skurril geformten Kohlestücken in mein Arbeitszimmer kommt. "Deine Aufbackbrezeln sind...fertig!", sagt sie und betont dabei jede Silbe genüsslich in diesem typischen, triumphalen Ton, den man als erfahrener Ehemann nur zu gut kennt und der einem unmissverständlich mitteilt, dass man solche komplexen Dinge wie das Garen von Laugengebäck in Zukunft lieber der Expertin überlässt. Ohne ein weiteres Wort stellt sie den Teller dann direkt in die Englische Partie hinein auf das Schachbrett, so dass der Turm auf b1 im hohen Bogen auf den Boden fällt und (natürlich) von dort aus in die hinterste Ecke unter das Sofa rollt. Sieht so aus, als könnten er, Marin und ich eine Pause vertragen. Ein paar Aufbackbrezeln täten uns vielleicht gut, ob die wohl schon fertig sind?

Warum ich mich überhaupt durch dieses dreibändige Monumentalwerk (und durch Bücher zu vielen anderen Eröffnungen, die ich sonst nur in Albträumen spiele) quäle, ist eine berechtigte Frage, denn ich kann mich überhaupt nicht erinnern, jemals in meinem Leben in einer ernsten Turnierpartie zu 1.c4 gegriffen zu haben. Vielleicht in erster Linie deshalb, weil diesem Anfangszug seit meiner Jugend das Image einer "Zombievariante" anhaftet. Ähnlich wie diese unseligen "d4-nebst-Lf4-auf-alles-Spieler" gibt ja es auch in dieser Eröffnung die Spezies, die die ersten Züge des Gegners kaum ernsthaft wahrnimmt und darauf grundsätzlich mit dem Aufbau Sc3-g3-Lg2-e3-Sge2-0-0 antwortet. Erst, wenn diese Sequenz aufs Brett gezaubert ist, wird erstmalig das Gehirn hochgefahren, während sich in der Zwischenzeit der Nachziehende (ich selbst eingeschlossen) bei der Suche nach einer kreativen Widerlegung oft bereits selbst umgebracht hat.

Wie auch immer, jedenfalls würde ich ja wahnsinnig gerne auf das Wildern in mir ebenso unbekannten wie unverständlichen Eröffnungen verzichten, aber wenn man 46 Blindpartien gleichzeitig spielen will, wäre es keine besonders gute Idee, an allen Brettern nur sein eigenes Repertoire abzuspulen. Man stelle sich beispielsweise vor, auf 30 Brettern würde das orthodoxe Damengambit gespielt: Ein paar Mal mit schwarzem h6 und dafür mit Sbd7 statt c6, ein paar Mal ohne h6, aber dafür mit c6, an manchen Brettern die Tartakower-Variante, an manchen Lasker....ich erinnere mich dunkel, einmal in einem Buch von einem Experiment gelesen zu haben, das mit einem der führenden Blindsimultanspieler des 20. Jahrhunderts gemacht wurde. Möglicherweise war es sogar Miguel Najdorf persönlich, dessen seit 1947 bestehenden Weltrekord ich verbessern möchte, vielleicht aber waren es auch George Koltanowski oder Alexander Aljechin - ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls bat man den Meister, ein Blindsimultan an zehn Brettern zu spielen. Nichts besonderes für diese Gedächtnisartisten, sollte man meinen, aber die Sache hatte einen Haken: An allen Brettern sollte der Blindsimultanspieler immer dieselben Eröffnungszüge anwenden, während die Nachziehenden jeweils nur an einer Stelle einmal leicht abwichen. Beispielsweise, indem sie Ld6 statt Le7 spielten oder Sc6 statt Sbd7. Nach kurzer Zeit war der Meister "erledigt" und nicht mehr in der Lage, die Bretter auseinander zu halten. Das zeigt, dass ein unterschiedlicher Verlauf für den Blindsimultanspieler von elementarer Wichtigkeit ist, wenn er die besonders schwere Phase bis ca. Zug 10 unbeschadet überstehen will. Von daher ist man mehr oder weniger gezwungen, mindestens drei oder besser noch vier verschiedene Anfangszüge zum Einsatz zu bringen und nach Möglichkeiten Übergänge zu vermeiden, wie sie vor allem bei 1.c4, 1.d4 und 1.Sf3 entstehen können, wenn der Gegner partout etwa Slawisch oder Königsindisch spielen will. Natürlich bringt das trotzdem Nachteile mit sich, wenn daraus Stellungsbilder entstehen, mit denen man überhaupt nicht vertraut ist. So hatte ich beim Europarekord 2010 zwei Mal 1.f4 gespielt und stümperte mich in der Folge aufs Allerpeinlichste durch das völlig unbekannte Fahrwasser. Aber das ist weit weniger schlimm als das Vergessen oder Verwechseln von ganzen Partien.

Tja, und so kämpfe ich mich also mehr der Not als dem eigenen Schachgefühl gehorchend durch Marins subtilen Variantenwust, wobei ich pro Seite wesentlich mehr vergesse als behalte. Ist aber auch nicht so wichtig; vielmehr baue ich drauf, dass beim Nachspielen das Gefühl für die Positionen irgendwie kleben bleibt. Zur weiteren Vertiefung teste ich es dann auf schach.de oder analysiere es zusammen mit meinem wirklich ausgezeichneten "persönlichen" Trainer Michael Prusikin. Und der ist schließlich Großmeister.

Michael war übrigens für einen wie ich meine hochinteressanten Rahmenprogrammpunkt des Sontheimer Weltrekordwochenendes vorgesehen: Das Match "Amateur gegen Meister". Hierbei wird ein Großmeister nacheinander 4 Schnellschach-Matches auf 2 Partien gegen 4 Vereinsspieler ausfechten, die zwischen 1600 und 2000 DWZ aufweisen. Der Clou daran: Die Amateure spielen, ganz im Stile der Vorgabepartien der alten Meister, von Anfang an mit einer ganzen Leichtfigur mehr. Ein spannender Vergleich, dessen Ausgang im Forum schachfeld.de bereits kontrovers diskutiert wurde: Während viele dem Großmeister einen hohen Sieg prognostizierten, meinten andere, dass er froh sein kann, wenn er überhaupt mehr als 50 Prozemt erzielt. Wie auch immer, es verspricht, sehr spannend zu werden, zumal wir, nach der Absage Prusikins, der leider als Betreuer bei der Jugend-WM im fernen Brasilien sein wird, dank unseres Hauptsponsors Astra Tech den wohl bekanntesten deutschen Großmeister Jan Gustafsson als Ersatz verpflichten konnten. Für die Matches gegen Gustafsson kann sich jeder, der über eine DWZ im genannten Rahmen verfügt, über die Veranstaltungsseite anmelden; wegen der großen Anfrage werden die Plätze dann verlost.

Aber auch sonst kommen Zuschauer und Besucher des Sontheimer Weltrekordwochenendes voll auf ihre Kosten: Neben dem ConSol* Weltrekord Cup, einem 24-Stunden Blitz Grand-Prix, bei dem man jederzeit ein- und aussteigen und trotzdem Preisgeld gewinnen kann, gibt es am 25. November ein kostenloses Simultan mit GM Vlastimil Hort (für das noch Plätze frei sind, aber sicherlich nicht mehr lange). Der beliebte deutsch-tschechische ehemalige WM-Kandidat wird darüber hinaus das ganze Wochenende über für das interessierte Publikum live die Partien des Blindsimultans kommentieren. Es lohnt sich also unbedingt, zwischen dem 25. und 27. November 2011 in Sontheim/Brenz vorbeizuschauen!

ZUR PERSON

Marc Lang ist 41 Jahre alt (Jahrgang 1969), verheiratet, lebt in Günzburg und hat zwei Kinder (9 und eineinhalb). Am 27. und 28. November 2010 stellte der selbstständige Programmierer, der Schach seit seinem siebten Lebensjahr spielt und im Verein seit dem 12., einen neuen Europarekord im Blindsimultan auf. Der FIDE-Meister vom SV Sontheim/Brenz mit einer aktuellen Elo-Zahl von 2306 erzielte dabei an 35 Brettern 19 Siege, 13 Remis bei nur 3 Niederlagen. Wer noch mehr über Marc Lang wissen möchte, der findet diese Zusatzinfos hier.

Tagebuch Teil 1
Tagebuch Teil 2

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Veröffentlicht von Raymund Stolze



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